.

... und Opa sitzt unter dem Tisch

English Drama Group führt „Table“ auf

 

Dies ist eine Familiengeschichte. Und der zentrale Anlaufpunkt für eine Familie ist der Tisch. Hier trifft man sich zu den Mahlzeiten, bespricht wichtige Dinge, tauscht sich aus. Oder aber man versteckt sich unter ihm, schleudert einen Sprechstein auf ihm hin und her oder uriniert darauf. Diese und andere ungewöhnliche und unterhaltsame Szenen spielen sich am, unter oder auf dem Tisch ab, der im Mittelpunkt der Inszenierung von Tanya Ronders „Table“ durch die English Drama Group der Goetheschule unter der Leitung von Ilka Springmann steht.

 

 

Der namensgebende Tisch ist ein Erbstück der Familie Best. Er zeichnet die Geschichte der Familie über fast eineinhalb Jahrhunderte einem Tagebuch gleich auf. Stellvertretend für die vielen Mitglieder der Familie, die wir in diesem Stück kennen lernten, konserviert er all die Flecken, Wunden und unausgesprochenen Botschaften der Familie. Davon gibt es viele und sie wirken bis in die Gegenwart. Dies wird in der Inszenierung sehr schön verdeutlicht, als die zentrale Figur des Stücks, Gideon Best (Niclas Gellert), zu Beginn des Stücks unter dem Tisch sitzt und so zum „Zeugen“ seiner Familiengeschichte wird, obwohl seine Geburt noch gut 70 Jahre auf sich warten lässt. Und so, wie die Schicksalsschläge den Tisch kennzeichnen, wird auch Gideon durch die verworrenen Verhältnisse seiner Familie gezeichnet.

Kennzeichnend aber für die Aufführung ist die gelungene Mischung aus Tragik und Komik, welche die EDG dem Publikum präsentiert. Da wird z.B. gerade noch der Tod von Gideons Mutter, Sarah Best (Yasmin Cao), betrauert. Die Hinterbliebenen nehmen die Urne in Empfang, als Gideon die Fassung verliert. Seine Frau Michelle (Marlene Mesa) versucht, ihn zu beruhigen und die Urne bleibt in den Händen des minderjährigen Enkels Anthony (Fatih Güler). Nun ist der Enkel allein mit der Urne auf der Bühne. Kann das gutgehen? Die Antwort lautet: Nein.

 

 

Da sind die sexuellen Eskapaden von Finley Best (Paul Henkelmann), auf die seine Frau Margaret (Lara Grabert) nur mit religiöser Inbrunst reagieren kann und die Illusion einer gutbürgerlichen Familie aufrecht zu erhalten sucht, auch wenn der missratene Filius Albert (Robin Abresch) sich während des Essens auf den Tisch erleichtert – selbst nach diesem Malheur kommt es nicht in Frage, dass jemand während des Essens den Tisch verlässt, damit würde man der Anarchie Tür und Tor öffnen.

Da sind die Fluchtversuche in eine Missionsstation in Afrika, in die Finleys Tochter Sarah zieht, die dann jedoch erkennen muss, dass auch ihr die gleichen Triebe wie ihrem Vater innewohnen, symbolisch dokumentiert durch die Leopardenhiebe im Tisch.

Da ist ihr Liebhaber, Gideons Vater Jack, der seinen Sohn nie sehen konnte und in seiner Hilflosigkeit nur „amor patris“ in den Tisch zu schreiben vermochte, um seinem Sohn seine Liebe zu vermitteln.

 

 

Da sind die herrlich abstrusen Gruppendiskussionen in einer Hippiekommune, wo der Tisch nach dem Abstecher nach Afrika gelandet ist, bei der nur derjenige sprechen darf, der den oben erwähnten Sprechstein in der Hand hält.

Gerade die melancholischen Passagen werden atmosphärisch wunderbar durch den gelungenen Einsatz von Musik unterstützt. Sei es die Band (Marlene Stein, Valentin Ratiu, Alexander Malaschewski, Philip Noreisch), die die ganze Aufführung über halbtransparent im Hintergrund zu sehen ist, sei es der Musikleistungskurs oder aber der beeindruckende Sologesang von Marlene Mesa, Yasmin Cao und Robin Abresch, sie alle unterstützten die einfühlsame Inszenierung und verursachen beim Zuschauer Gänsehaut.

 

 

Mit viel Spielfreude und einer beeindruckenden Bildsprache zaubern die 23 Mitglieder der English Drama Group einen Querschnitt durch verschiedene Familienkonstellationen und -konzepte auf die Bühne. Der Tisch ist ein Symbol für die Sehnsucht nach Gemeinschaft, die hinter all diesen Konzepten steht, hinter der bürgerlichen Familie, der Gemeinschaft von Nonnen, der Hippiekommune. Im Prinzip scheitern all diese Konzepte an ihren Idealen und Restriktionen. Man könnte meinen, es sei ein Stück über den Verfall einer Familie. Doch dem ist nicht so. Die letzte Generation, Gideons Enkelin Su-Lin (Emilia Randzio), sieht das ganze Familiending eher unverkrampft. Sie ist fasziniert von der Familiengeschichte, von den Kratzern und Urinflecken. In ihr spiegelt sich die Hoffnung, dass heute Familie unverkrampfter gesehen wird. Die Vergangenheit prägt uns, aber wir sind ihr nicht ausgeliefert.

Text: Stefan Schulz

Fotos: Michael Gellrich