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„Faces at night“ – neues Theater in der Goetheschule

„Hi, ich bin Lexi. Ruf mich doch einfach an, wenn du dich einsam fühlst“, bietet mir die junge Frau freundlich an und drückt mir energisch ihre pinke Visitenkarte in die Hand: Lexis Partnervermittlung. Liebe, Lust und Leidenschaft. Bevor ich lange darüber nachdenken kann, kriecht ein dunkelhaariges Mädchen durch die Reihen und fragt, ob ich ihre Käfer gesehen habe, den Grashüpfer Goethe vermisse sie besonders. Spätestens jetzt wird auch mir klar: Heute erwartet mich Ungewöhnliches.

Dabei scheint das Setting des Theaterstücks auf den ersten Blick den meisten keineswegs fremd zu sein. So sehe ich eine in der Einrichtung schwarz-weiß gehaltene Bar, die von unterschiedlichen jungen Menschen gut besucht ist. Taffe Mädchen hinter der Theke, ein melancholischer Typ am Klavier, Einsame in den Ecken, Kontaktfreudige nahe der Getränkeausgabe. Alles wie gewohnt – mag man denken. Korrigiert wird man in dieser Haltung aber spätestens, wenn die Figuren zum Leben erwachen, wenn die Nacht beginnt.


So hat der Zuschauer nicht nur das Vergnügen, u.a. das Seelenleben einer veganen Yogalehrerin und eines sächselnden bei seiner Mutter lebenden Dauersingles bestaunen zu dürfen, sondern gleichzeitig Einblicke in das verdüsterte Herz eines mordlustigen Ex-Soldaten und einer überambitionierten Partnervermittlerin zu bekommen. Ziemlich ungewöhnlich! Oder doch nicht?

Mit unseren Gewohnheiten spielt auch die Rahmenhandlung: In dieser stehen sich zwei Sandmänner gegenüber. Zum einen in der hoffmannschen schauerromantischen als auch in der ostalgischen Vorabend-Version. Sinnbilder von Gut und Böse also. Beide kämpfen um die Oberhand über die Charaktere, zeigen sich als schicksalsbestimmende Mächte, die über Wohl und Wehe des Abends entscheiden. Ganz und gar ungewöhnlich, oder nicht?!

Und hier wird es nun dem einen oder anderen schon dämmern: Die Besonderheit dieses Theaterstücks liegt in der Aufbereitung und Darstellung des Gewohnten, der Eröffnung des gewöhnlich-ungewöhnlichen Seelenlebens der Figuren und der Versinnbildlichung der Unkontrollierbarkeit seines eigenen Schicksals.


Angesichts dieses philosophischen Potenzials stellt sich natürlich die Frage nach dem Autor dieses außergewöhnlichen Stücks. „Alle“, informiert Caroline Ahlborn die Zuschauer zu Beginn. Viele Köche verderben bekanntlich den Brei, könnte man denken. Aber nein, denn es macht Sinn – wie jede individuelle Stimme seinen eigenen Körper bekommt, so bekommt sie hier auch seinen eigenen Texter. Die omnipotent erscheinende(n) Barfrau(en) slamt/en ihre Verse, die ehemalige Krankenschwester schuchzt ihr Leid, die Tänzerin tanzt sich frei. Und trotzdem: Ein Wagnis dies zusammenzuführen. Daher kann man nicht genug den Teamgeist dieser Theatertruppe loben, den verantwortlich laut Flyer waren „alle“!


Aber nicht nur Zusammenarbeit war erforderlich, sondern Flexibilität. Ein Stück selbst zu entwickeln, heißt auch es weiterzuentwickeln und es sich weiterentwickeln zu lassen. Daher merkte Caroline Ahlborn auch an diesem Abend an: „Was wir heute genau sehen, kann ich Ihnen auch nicht sagen. Ich lasse mich genauso überraschen wie Sie sich“.

Insofern schafft es Caroline Ahlborn erneut, Theater zu machen, das unterschiedliche Talente integriert und würdigt sowie konfrontiert mit dem, was alle angeht. Hier scheint aber definitiv eine neue Form geboren worden zu sein, die die vielfältige Theaterlandschaft der Goetheschule um eine weitere Facette bereichert und hoffentlich weiterhin bereichern wird.

Florentina Koch