.

Klaus Klingeberg führt „Die Piraten von Penzance“ auf

 

Wer glaubt, dass das Piratenhandwerk nur mehr in Kinderbüchern lebendig ist, der irrt gewaltig. Denn nicht nur vor der Küste Somalias treiben Piraten nach wie vor ihr Unwesen, nein: auch in der Goetheschule wurden jüngst Seeräuber gesichtet!

Piratenkampf Letztere bilden allerdings eine ganz besondere Spezies unter den Piraten, denn sie haben ein starkes Pflichtgefühl (DUTY!) und unter der rauen Schale einen weichen Kern (LOVE!). Überhaupt sind sie viel ehrbarer als die Leute aus der „bürgerlichen Gesellschaft“. In diesem Bewusstsein lässt der Piratenkönig der „Piraten von Penzance“ es auch nicht an Seitenhieben mangeln: „Ich will unser Handwerk nicht schönreden, aber verglichen mit den meisten bürgerlichen Jobs ist es geradezu ehrbar.“ Und selbst Staatsoberhäupter kriegen bei ihm ihr Fett weg: „Doch mancher König auf dem Thron,/wenn er sichern will die Herrscherkron,/muss finden manchen krummen Dreh,/der übler ist als mein Metier.“
Allerdings sind seine ehrbaren Piraten auch nicht sonderlich erfolgreich, was nicht zuletzt daran liegt, dass ein Ehrenkodex es ihnen verbietet, Waisen zu überfallen. Leider hat sich das längst herumgesprochen und es finden sich mysteriöserweise immer mehr Vollwaisen unter den potentiellen Opfern...
Dass der junge Frederick ein Pirat geworden ist, beruht auf einem tragikomischen Missverständnis: Auf dem Totenbett verpflichtete Fredericks Vater dessen Amme dafür zu sorgen, dass sein Sohn „privat studiere“. Leider versteht das schwerhörige Kindermädchen, Frederick solle „Pirat studieren“. So gibt sie ihn dem Piratenkönig in die Lehre und fährt gleich mit zur See. Mit seinen 21 Lebensjahren glaubt sich Frederick nun aber am Ende seiner Lehrzeit und will aus der Piratenbande aussteigen, was unter den Piraten nicht gerade mit Begeisterung aufgenommen wird. PiratenTöchter Zudem stellt sich heraus, dass in Fredericks Lehrvertrag ausdrücklich vom 21. Geburtstag als Ende der Lehre die Rede ist und er in einem Schaltjahr am 29. Februar geboren ist: Somit sieht er erst seinem sechsten Geburtstag entgegen und hat ganz unerwartet noch schlappe 64 Jahre Piratenleben vor sich!
Bevor er freilich von diesem Rückschlag erfährt, hat er sich Hals über Kopf in Mabel, eine von den zahlreichen Töchtern des Major General Stanley, verliebt. Dass die Piratenkollegen sich in all die anderen hübschen Töchter verguckt haben und diese auf der Stelle heiraten wollen, steigert dabei nicht gerade Fredericks Chancen als Schwiegersohn in spe.
PiratenTöchter Wie all diese Verstrickungen gelöst werden, soll an dieser Stelle nicht verraten werden, wohl aber, dass die „Piraten von Penzance“ ein pralles Bühnenstück des viktorianischen Operetten-Starduos Gilbert (Libretto) und Sullivan (Musik) ist, das seit seiner Entstehung im 19. Jahrhundert in verschiedenen Bearbeitungen immer sein Publikum unterhalten hat – unter anderem am Broadway.
Klaus Klingeberg hat nun mit seiner Aufführung der Musicalbearbeitung an der Goetheschule bewiesen, dass der z.T. britisch-skurrile Stoff auch im 21. Jahrhundert noch begeistern kann. Mit stimmkräftiger Unterstützung einiger Akteure der Hochschule für Musik und Theater (HMTH) erreicht das Ensemble aus Schülern und Lehrern eine semi-professionelle Qualität, die den Eintrittspreis rechtfertigt und das Premierenpublikum überzeugte.

Daniel Eggert (HMTH) verkörpert mit seiner großen Statur und der wunderbar brummigen Stimme perfekt den Piratenkönig, und Adriane Oberborbeck (HMTH) ist eine Mabel, die mit ihrer Erscheinung und ihrer Stimme nicht nur Frederick (Daniel Nesterenko, HMTH) zu bezaubern vermag.
Ruth Kantel als Kindermädchen Ruth (sic!) steht den Studenten in nichts nach. So ist man aus zweierlei Gründen traurig, wenn Frederick sie früh im ersten Akt verstößt: Zeigt sich der Jüngling doch dadurch nicht nur unerhört undankbar (Pfui!), sondern bringt er uns damit auch um den weiteren Genuss ihrer Anwesenheit auf der Bühne (Buh!). Glücklicherweise stellt sich aber heraus, dass sie zurückkehrt, um sich an Frederick zu rächen!
Herausragende Akteure und Stimmen haben auch die Piraten (u.a. Hans Werner) und des Major Generals Töchter (v.a. Mara Chmelius und Beatrice Wolf) zu bieten. Der Major General wird wunderbar ironisch von Harald Liese dargestellt, der in zungenbrecherischem Tempo über seine Qualitäten prahlen darf: „Ich bin sozusagen ideal/das maximale Muster als moderner/Major-General!“
2008_PiratenPremiere_01 Nicht vergessen werden sollen schließlich die Polizisten, die sich als ziemliche Angsthasen erweisen, obwohl Sergeant Stefan Meier sie nach Kräften für den Kampf gegen die Piratenbande motiviert.
Das Orchester, das von den Darstellern so manches Mal umrundet und eingerahmt wird, bietet den Sängern zu jedem Lied eine wohlklingende Basis und verwandelt die Aula im Nu in einen Konzertsaal. Nicht nur Abiturient 2008 Simon Etzold am Marimbaphon und am Vibraphon ist so manches Mal auf angenehme Weise aus der differenzierten Vielzahl der Orchesterstimmen herauszuhören.

 

2008_PiratenPremiere_2 Musikalische Gesamtleitung: Martin Hurek, Dieter Weiß
Regie: Klaus Klingeberg
Choreographie: Christiane Deutschmann, Klaus Klingeberg

 

 

Karten für die Aufführungen am 13. und 14.11.2008 (jeweils 19.30 Uhr) und am 16.11. (Achtung: 16 Uhr!) sind über das Sekretariat am Franziusweg (0511/16847620) erhältlich.

 

 

2008_PiratenPremiere_3

Fotos: Constanze Krohne, Kai Kämmerer