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„Es muss knallen!“ – Kritikerwettbewerb an der Goetheschule Hannover

Am 29. Januar 2008 fand in der Aula der Goetheschule Hannover KritikerWettbewerb_2008_1 unter dem Motto „Die Besten – Kritiken Schreiben“ ein buntes Programm von Text und Musik vor Schülerinnen und Schülern der 12. und 13. Jahrgangsstufe statt. Initiiert wurde die Veranstaltung von einem Lehrerteam der Goetheschule und Vertretern der Universität Hildesheim als Auftaktveranstaltung zur Gründung eines Schreib- und Lesezentrums.

 

Aus Hildesheim waren Herr Prof. Stephan Porombka in Begleitung von Frau Körber und Herrn Fischer, zwei Studenten des Studiengangs Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus, zu uns gekommen. Sie bildeten die Juroren des Wettbewerbs von fünf Schülerinnen und Schülern, die mit ihren Literaturrezensionen gegeneinander antraten – ähnlich dem alljährlichen Ingeborg Bachmann-Wettbewerb im österreichischen Klagenfurt.

 

KritikerWettbewerb_2008_2 Entstanden war die Idee zu diesem Vortragswettbewerb im Deutschunterricht der Oberstufe, wo das Thema „Literaturrezension“ behandelt worden war. Fast alle Schülerinnen und Schüler aus sieben Kursen hatten Rezensionen geschrieben, kursintern waren diese bewertet worden, bevor die zwölf besten Beiträge nach Hildesheim geschickt wurden. Hieraus wählte das Team um Prof. Stephan Porombka fünf Rezensionen für die Veranstaltung aus.
Eingebettet in ein musikalisches Rahmenprogramm, das durch die Schülerinnen Maiken Jauch, Felicitas Wehmschulte und Jusara Moser gestaltet wurde, erlebte das Publikum durch das Wechselspiel von Textvortrag und direkt sich anschließender Bewertung der Juroren ein abwechslungsreiches Spektrum quer durch die europäische und deutsche Gegenwartsliteratur. Das Publikum aus den versammelten Deutschkursen unterstützte „ihre“ Schülerinnen und Schüler durch kräftigen Beifall, würdigte aber auch die gleichermaßen „gelehrte“ wie unterhaltsam gestaltete Kritik der Jury – und lernte nebenbei noch eine ganze Menge für den eigenen Umgang mit literarischen Werken.KritikerWettbewerb_2008_3

 

Die Bewertung von Literatur erfordere – so führte Prof. Porombka einleitend aus – nicht nur Können sondern auch den Mut zur Reduktion. Eigentlich alle eingereichten Beiträge der Schülerinnen und Schüler hätten dies in außergewöhnlicher Weise gezeigt, die Auswahl der fünf „Besten“ sei der Jury nicht leicht gefallen. Entscheidend für die Nominierung war, wie gekonnt die Rezensenten in die „Trickkiste“ gegriffen hätten, ob es ihnen gelungen sei, parallel zur Rezensionsvorlage eine „unterhaltende Geschichte“ zu erzählen, und ob sie „Mut zur Pointe“ gezeigt hätten. Frau Körber war es wichtig, dass die „richtigen Stellen“ aussagekräftig zitiert werden und dass das Buch nach einer gründlichen Recherche vom potentiellen Leser klar erkennbar eingeordnet werden kann. Dabei müsse ein Gleichgewicht von eigener Meinung des Rezensenten und der Leserbewertung angestrebt werden. Herr Fischer schließlich betonte, dass es bei einer guten Rezension „knallen“ müsse, denn der Schreiber sei ja nicht oder nicht nur Wissenschaftler, sondern schreibe für ein interessiertes Lesepublikum.

 

KritikerWettbewerb_2008_4 Die fünf Schülerinnen und Schüler präsentierten in ausgeloster Reihenfolge ihre Rezensionen, wobei sie ihre Texte nicht nur „vom Blatt“ ablasen, sondern ganz individuelle Schwerpunkte in ihrem Vortrag zu setzen wussten und damit den von der Jury zuvor erläuterten Kriterien durchweg auf hohem Niveau entsprachen. Katja Fischer entführte das Publikum mit ihrer Besprechung des Romans „Kennedys Hirn“ von Henning Mankell in das Spannungsfeld des europäisch-afrikanischen Dialogs und schloss, nachdem sie das Publikum vom bildlichen Erzählstil des schwedischen Kultautors überzeugen konnte: „Der Roman ist eine Reise wert!“ Tobias Petersen stellte Birgit Vanderbekes „kulinarischen“ Roman „Die sonderbare Karriere der Frau Choi“ gekonnt vor und überzeugte Publikum und Jury durch eine witzige und oft hintergründige Wortwahl: „Leichtfüßig, doch zu distanziert schreibt Vanderbeke ihr überladenes Potpourri, von dem jeder einzelne Ansatz durchaus Potenzial zeigt, aber das Resultat ist doch nur ein Gemansche bester Zutaten.“ Karin Bohr hatte sich einem sehr schwierigen und ambitionierten Werk der Gegenwartsliteratur gestellt, die entführte die Zuhörerschaft mit Thomas Lehrs „42“ in ein statisches Weltuntergangsszenario: „Apokalypse, bitte!“. KritikerWettbewerb_2008_5 Sie verdeutlichte gekonnt, dass ein derartiges „Gedankenexperiment, das vor allem durch seine bildgewaltige, außergewöhnliche Sprache besticht, die über so manchen Mangel an Sinn und Handlung hinweghelfen kann“, die volle Konzentration des Lesers erfordert. Anna-Maria Ziefle bot mit ihrer Rezension und dem Titel „Langweilig und dennoch faszinierend“ eine ausgewogene „Einerseits-Andererseits-Kritik“ (Porombka) und war sich in der Einschätzung des aktuellen Romans „Böse Schafe“ von Katja Lange-M;üller durchaus mit der Jury einig. Leyla Kaplan schließlich traf mit ihrer Kritik genauestens den Ton ihrer Vorlage, Franzobels Roman „Liebesgeschichte“, und kam zu einer sehr überzeugenden Kritik der Autor-Pose, die auch die Schwachstellen des Textes fast schon erbarmungslos bloßstellte: „Lasst Euch nicht veräppeln, es gibt durchaus tiefsinnigere Literatur“ appellierte sie an ihre Zuhörer.

Nach einer kurzen Beratungspause gab sich die Jury der Universität Hildesheim überzeugt: alle Teilnehmer hatten einen guten Vortrag geliefert, hatten ihre Textvorlagen ernst genommen und sich gekonnt damit auseinander gesetzt. Die Juroren haben deshalb gleich zwei erste Plätze gekürt, man war sich einig, dass Leyla Kaplan und Tobias Petersen ihr Rezensionshandwerk am besten vermittelt und die literarischen Vorlagen plastisch und unterhaltsam vorgestellt haben. Als Preise wurden ihnen vom Schulleiter, Herrn Wilhelm Bredthauer, Buchgutscheine überreicht, und die Jury sagte ihnen spontan zu, dass ihre Rezensionen in der nächsten Ausgabe des Internetmagazins lit08.de, einem Forum für Literaturkritik und literarische Öffentlichkeit, erscheinen werden.