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85 Jahre Erfolg: Der Musikzweig und „Kiss me, Kate!“ an der Goetheschule

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Das Publikum lässt nicht locker und versucht, durch Standing Ovations eine zweite Zugabe herbeizuklatschen, aber die Akteure sind rechtschaffen erschöpft hinter dem Vorhang verschwunden und die Orchestermusiker verlassen den Orchestergraben. Die rauschende Premiere eines Mammutprojekts liegt hinter ihnen. 350 Zuschauer in der ausverkauften Aula der Goetheschule sind noch ganz verzaubert von dieser Kombination aus Theater, Musik und Tanz, die Klaus Klingeberg (Regie, Bühnenbild) zusammen mit Martin Hurek und Daniel Meyer (musikalische Leitung) mit der Inszenierung des berühmten Musicals „Kiss me, Kate!“ auf die Bühne gebracht hat.

 

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Am Anfang des knapp dreistündigen, aber kurzweiligen Abends ist das Premierenfieber nicht nur auf der Bühne und im Orchester, sondern auch im Zuschauerraum noch eine hochgradig ansteckende Krankheit. Mit den ersten Takten verwandelt es sich in das gleichnamige Eröffnungslied, das allen Akteuren die Möglichkeit gibt, sich gemeinsam auf der Bühne warmzusingen und sich dem Publikum vorzustellen. Das Eis ist gebrochen und die eigentliche Musicalhandlung kann beginnen: Ein Theaterensemble steht kurz vor der Aufführung der Komödie „Der Widerspenstigen Zähmung“ von William Shakespeare. Wie im Stück des englischen Barden gibt es auch im Theaterensemble gewisse „Baustellen“ im Geschlechterverhältnis. Fred Graham (Frederik Schuritz) hat sich die Hauptrolle gesichert und gibt den Petrucchio, der bei Shakespeare um die widerborstige Katharina wirbt.

 

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Pikanterweise wird diese von Freds Ex-Frau, Lilli Vanessi (Sarah Lewark), gespielt. Doch damit nicht genug: Ganz Shakespeare-like kommt es zu einer dramatischen Verwicklung, als eine Liebeserklärung Freds per Blumenstrauß und Karte nicht seiner Geliebten, der Nachtclubsängerin Louis Lane (Bianca, Friederike Wiechmann), sondern Lilli zugestellt wird. Dass ihr diese Liebesbekundung gar nicht zugedacht war, bemerkt Lilli noch während der Aufführung und nutzt die berühmte Szene, in der es bei Shakespeare zum verbalen Schlagabtausch zwischen Petrucchio und Katharina kommt, um sich an Fred zu rächen.

 

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Danach weigert sie sich weiterzuspielen, was unweigerlich den Abbruch der Aufführung zur Folge hätte. Nun aber hat Fred Glück im Unglück: Bill Calhoun (Clemens Liese), der Shakespeares Lucentio gibt, hat Spielschulden gemacht, die von zwei Gangstern (Walter Schedlinsky, Hans Werner) eingetrieben werden sollen. Schnell ist denen klar, dass bei einem Abbruch der Premiere kein Geld zu holen sein wird, und so „überreden“ sie Lilli schließlich zum Weiterspielen. Am Ende kommen nicht nur im „Spiel im Spiel“, sondern auch in der Rahmenhandlung die beiden Hauptfiguren zusammen: Petrucchio und Katharina werden ebenso ein Paar wie Fred und Lilli: Kiss me, Kate - die Widerspenstigen sind gezähmt.

 

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Genau 60 Jahren ist es her, dass die Uraufführung dieses Musical-Klassikers von Cole Porter (Musik, Gesangstexte) und Samuel und Bella Spewack (Sprechtexte) in New York stattfand, und vor exakt 25 Jahren wurde der Musikzweig an der Goetheschule gegründet. Addiert machte das am Premierenabend in der Aula glatte 85 Jahre Erfolg!

 

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Daniel Meyer, Martin Hurek und Dieter Weiß hatten die Originalinstrumentierung behutsam an die Bedürfnisse und Möglichkeiten des Musicalorchesters angepasst. Durch die Vielseitigkeit Cole Porters kamen sowohl die Symphoniker als auch die Big Band im Orchestergraben auf ihre Kosten und dem Publikum klangen die vielen zu Ohrwürmern gewordenen Lieder und Melodien, wie „Viel zu heiß“ oder „Schlag nach bei Shakespeare“, noch lange angenehm in den Ohren nach. Das Orchester (Leitung: Martin Hurek) und auch der Musicalchor (Choreographie: Klaus Klingeberg, Christiane Deutschmann) schienen im ständigen Wettstreit mit den Hauptakteuren auf der Bühne um die Gunst des Publikums zu stehen.

 

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Die „klassische“ deutsche Übersetzung von Günter Neumann war von Klaus Klingeberg und Hans Werner liebevoll überarbeitet und aktualisiert worden, sodass z.B. auch dem jüngst verstorbenen „Dr. Sommer“ der BRAVO eine kleine Referenz erwiesen wurde. Das Wechselspiel aus lockerem Dialog und kraftvoll-deftigen, dichten Shakespeare-Zeilen sorgte immer wieder für Abwechslung und Tempowechsel. Dabei rechtfertigten nicht nur Sarah Lewark und Frederik Schuritz als „Externe“ (beide studieren u.a. Musik und sind angehende Bühnenprofis) ihre Hauptrollenbesetzung. Auch Clemens Liese, Friederike Wiechmann, Stephan Koch (Gremio ) und Hendrik Torno (Hortensio ) als hauseigene Talente der Goetheschule konnten in Spiel und Gesang überzeugen.

 

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Heimliche Highlights der Inszenierung waren natürlich die von dem Lehrkörper der öffentlichen Anstalt besetzten Rollen: Ilka Springmann beeindruckte als mal amüsierte, mal einschüchternd resolute Signora Baptista (Katharina und Biancas Mutter). Ein amüsantes Abziehbild des amerikanischen Gangsters aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts gaben Walter Schedlinsky und Hans Werner mit deutlichem Augenzwinkern ab und trieben das „Spiel im Spiel“ noch ein bisschen weiter, indem sie dem (Aula?)Publikum unverhohlen die Fähigkeit absprachen, die Feinheiten des Stückes zu verstehen. Ihr Song „Schlag nach bei Shakespeare“ ging zur Freude des Publikums mehrmals in die Verlängerung, als wollte Hans Werner als ausgewiesener Shakespeare-Liebhaber gar nicht wieder aufhören mit der musikalischen Verehrung des Barden.

 

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Wie ein „Special guest“ erschien sogar noch Heide Bleck als BMW – Bleck Magic Woman – und sagte der skeptischen Katharina ihre Zukunft voraus („Ich sehä… ich sehä…“) und unvermittelt wehte ein melancholisch-nostalgischer Hauch von unvergesslichen Goetheabenden durch die Aula.

 

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Einen nicht unerheblichen Anteil an der Verzauberung der Zuschauer hatten auch die über 30 Kostüme, die die Zuschauer in die Zeit Shakespeares versetzten. Andrea Klingeberg und Ruth Wienecke haben Unglaubliches geleistet und die vielen Akteure von Kopf bis Fuß in eine wahre Augenweide verwandelt. Stoffe, Muster und Schnitte spiegeln eine so große Liebe zum Detail und zum Ganzen – den Arbeitsaufwand mochte man sich gar nicht vorstellen! Das Bühnenbild, nicht weniger überzeugend gestaltet von Klaus Klingeberg (Entwurf), Rainer Bassen (Bau), Rainer Dittrich und dem Kunst-LK QP34 (Malerei), gibt sich peppig modern und so variabel, wie es das Musical erfordert – spielt es doch abwechselnd hinter und auf der Theaterbühne.

 

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Alles in allem gelingt eine Inszenierung, die die Maßstäbe einer „Schulaufführung“ in vielerlei Hinsicht sprengt, vor allem bezüglich des Aufwands, der Kosten, aber auch der Qualität. Die Entscheidung, die zwei Hauptrollen semiprofessionell zu besetzen, erweist sich als richtig, führt sie doch zu einem ungetrübten Genuss auch schwieriger Gesangspartien. Die große Bühnenpräsenz der beiden Studenten strahlt auf die agierenden Schüler aus und bringt sie zu schauspielerischen und gesanglichen Höchstleistungen, die zu einer organischen Gesamtdarbietung führen. Das Orchester liefert dazu punktgenau und mit sichtbarer Lust am Zusammenspiel die musikalische Basis dieses Musical-Evergreens.

 

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So bleibt, nachdem das Lied „Wunderbar“ als äußerst passende Zugabe verklungen ist, bei vielen Zuschauern der Wunsch, noch länger oder noch einmal in den Melodien und der optischen Pracht des Musicals schwelgen zu können. Und wer weiß, vielleicht treffen sich so manche Premierenbesucher in einer der weiteren Aufführungen am 6., 9. und 10. Oktober (jeweils 19 Uhr) wieder, wenn es wieder heißt: „Kiss me, Kate!“ – 85 Jahre und kein bisschen müde!

Text und Fotos: Kai Kämmerer

 

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