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Viva la Commedia - Viva Mirandolina

Viva la Commedia – Holger Warneckes Crew bringt zum Start ins 60. Jubiläumsjahr unserer Schule mit Goldonis Mirandolina genau das Richtige auf die Bühne

Die Reihe der Veranstaltungen zum 60. Geburtstagsjahr unserer Schule begann gleich mit einem Kracher. Holger Warneckes Theater-Crew ließ mal wieder so richtig „die Sau“ raus. Keine Erziehung, keine Aufklärung, keine Belehrung des Publikums. Dafür Theater um des Theaters willen, Selbstinszenierung des Spieles, Witz und Ironie ohne tiefere Bedeutung.

 

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Waren es bei Norway.today, Girlsnightout und Lieblingsmenschen noch moderne oder gar postmoderne Spielvorlagen, griff der Meister dieses Mal wieder in die Spielkiste der Literatur- und Theatergeschichte. Aber tiefer geht die Reise als bis zu den nationalen Klassikern wie Lessing und Büchner, jetzt wird es international: Ein Stück aus der italienischen Commedia dell’Arte wurde erkoren, Carlo Goldonis La Locandiera aus dem Jahre 1753 - der deutsche Übersetzer machte, etwas nudelmäßig, Mirandolina daraus.
Nun gut, auf der Bühne bekommen wir turbulente Harlekinaden, Possenreißereien, Unanständigkeiten, zwielichtige Gestalten zu sehen, alles spezielle Kennzeichen der Commedia dell’Arte. Moment mal: auf „der“ Bühne? Wir haben mehrere. Mitten hinein in das Publikum der Laufsteg, der auf eine zentrale Spielebene mündet. Sie ist der vorrangige Ort des Geschehens, von dem aus die Zuschauer hautnah bespielt werden. Die Bühne der Aula, von welcher der Laufsteg seinen Ausgang nimmt, wird zum Hintergrund des Geschehens. Hier warten die gerade unbeteiligten Akteure auf ihren Auftritt - wir kennen das aus vorherigen Aufführungen - und vertreiben sich auf unterschiedlichste Weise die Zeit: der eine liest ein Buch mit rotem Einband, Karl Marx, Zur Kritik der politischen Ökonomie, ein anderer ist mit dem Anfertigen halbgelungener Frauenzeichnungen beschäftigt, aus denen er dann kleine Papierflieger anfertigt und diese mit vollem Erfolg ins Auditorium segeln lässt, ein weiterer liest verkehrt herum die Hannoversche Allgemeine und Mirandola kümmert sich um ihr äußeres Erscheinungsbild.

 

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Erkennt man denn nun in dieser aktuellen Inszenierung die alte Form der Commedia dell’Arte wieder? Auf jeden Fall, und es wirkt sehr gekonnt, wie das doch recht enge Korsett der Stehgreifkomödie mit modernen Einlagen gekreuzt wird. So weit wie möglich wurde etwa die Originalsprache der Dialoge beibehalten, das Shakespeare abgeschaute Spiel im Spiel, welches der „alten“ Form ihren verfremdenden Zug verleiht, bleibt Grundprinzip der Inszenierung. Ebenso die Reduktion des Spiels auf wenige Akteure, von denen jeder in abenteuerlicher Verzerrung den Vertreter einer bestimmten Bevölkerungsgruppe oder eines Standes repräsentiert. Bevorzugt wurden dabei die Mitglieder der High Society vom Sockel gehoben, aber auch die unteren Schichten bekamen ihr Fett weg. Ein ursprüngliches Stilmerkmal der Commedia, die Masken, verbannte der Reformer Goldoni von der Bühne, dafür wurde jetzt kräftig Schminke aufgetragen. Und genau deshalb haben die „Schminkebildner“ sämtliche Register gezogen, um diesem Merkmal der Goldonischen Commedia besondere Geltung zu verschaffen.

 

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Nur was für Vögel wurden uns denn da auf die Bühne gezaubert? Fabrizio (Jakob Arnold) verkörpert die Dienerfigur und den Liebenden, sein Requisit, der Eimer (das ewige Reinheits- und Endzeitsymbol Warneckes durfte natürlich auch dieses Mal nicht fehlen); der Cavaliere (Henrik Börstling), eine Art Harlekin, mit einer kleinen Puppe als Verkörperung seines Minimal-Egos erinnert entfernt an die Figur des Scheinriesen aus der Augsburger Puppenkiste (muss man die Chiffre noch erklären?); Dejanira (Kim Greulich), Schauspielerin, kommt trotz ihrer Lockenwickler mit ihrem Regenschirm wie eine Mary Poppins aus dem Off auf die Bühne geflogen, um die verfahrene Chose wieder auf Kurs zu bringen; und der Marchese (Selmani Aydin)  – sicherlich ein maskenbildnerisches Highlight – erinnert an den Joker, Erzschurke aus Gotham City und direkt an unsere Bühne ausgeliehen.
Apropos Schurken: So ganz ernst zu nehmen sind sie ja alle nicht. Der schnuckelige rosa Kinderkassettenrekorder, liebgewonnenes Requisit vorangegangener Aufführungen, mit dem Mirandolina (Kiara Greulich) ihr verschrobenes Liebeslied an den Cavaliere vertont, will uns sagen, dass insbesondere die männlichen Helden des Stückes der Kinderstube noch nicht entwachsen sind. Und das zeigt auch ihr Outfit (wir verbeugen uns vor der Kostümbildnerin Janine Coldewey, auch Maske). Sei es nun die schrullige Kombination von Harlekinhose und verlottertem Pelzmantel beim Marchese, die ulkige Verballhornung eines amerikanischen Touristen beim neureichen Grafen (Mehmet Bektas) oder – der Gipfel des Ganzen – die Kombination aus plümerantem Mantel, kurzer Hose und abgelatschten Schlappen eines Cavaliere, der gerade über’s Kuckucksnest geflogen zu sein scheint, all diese vermeintlichen Grown Ups stecken in Wirklichkeit noch in ihren Kinderschuhen.

 

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Gegenüber den zuletzt von Warnecke auf die Bühne gebrachten Postmodernien hat das Ganze sogar einen lütten Plot: Reicher Graf und armer adliger Marchese buhlen um die schöne Wirtin Mirandolina, die den beiden armseligen Gestalten nur mit Verachtung begegnen kann: „Sie sind so zauberhafte Karikaturen, meine Herren.“ Cavaliere, der Schwertpolierer [das ist jemand, der sein „Schwert“ „poliert“], kommt tönend daher, um die männliche Überlegenheit gegenüber dem Weibervolk herauszuposaunen („Das Weib ist eine Krankheit, vor der sich jeder vernünftige Mann hüten soll.“) und erregt, da Fritz Nietzsche - anders als im Goethekeller - nicht mitspielen durfte, verständlicherweise die Empörung der beiden Buhlenden. Und wird, von ihrem Zauber umgarnt, schließlich klein wie seine Puppe mit Hut. Fabricio, Kellner im Gasthaus der schönen Mirandolina und ihr wirklich in Liebe zugeneigt, stellt es anfangs ziemlich doof an, das Herz der Angebeteten zu erreichen. Er muss eine kleine Erziehung durchlaufen, um schließlich doch noch an sein Ziel zu gelangen. Bleibt noch die Schauspielerin Dejanira, die nach einiger Zeit die Bühne betritt, um von Fabrizio doch recht geschickt dazu eingesetzt zu werden, den buhlenden Marchese und den Grafen vom Gegenstand ihrer obskuren Begierde abzulenken.

 

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Haben wir jetzt also wieder einen kleinen Plot, dem wir ungebrochen folgen können, so kommt auch die Sprache ohne große Widerstände aus, burlesk sicherlich, zotenhaft und oftmals unter der Gürtellinie, aber das gemäßigte Auditorium wird nicht so strapaziert wie bei Warneckes letzten Ausflügen ins Gegenwartstheater. Was natürlich auch darauf beruht, dass die Commedia dell’Arte in ihrer speziellen Ausrichtung von Goldoni recht boulevard daher kommt. Alles wurde dieses Mal geschnallt – dafür gab es mehrmals lautstarken Zwischenapplaus und lauthalses Gelächter. Obwohl wir hier eine kleine Einschränkung machen müssen: Dem genau Zuhörenden werden witzige literarische und musikalische Selbstbezüglichkeiten auffallen. Dejanira etwa zitiert (oder besser korrumpiert) unsern Göte-Faust: „Bin weder Fräulein, noch bin ich schön, kann gut allein ins Gasthaus gehen.“ Und Dejanira und Fabricio kennen beide die Lucia di Lammermoor, die große Oper von Gaetano Donizetti (nach einem Roman von Walter Scott), die später Arno Schmidt des Öfteren in seinem Oeuvre meinte verewigen zu müssen. Also so ganz ungelehrig kommt uns das Ganze nicht daher! Und was haben wir denn in der grotesken Geißelungsszene des Marchese und seiner Anspielung auf Castelgandolfo, wo sich der Papst am liebsten ----------------------------------- lässt? Etwa die ganz offene Karikatur eines Säulenheiligen? Oha! Gottseidank nicht Mohammed!

 

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Die Musik kommt dieses Mal wieder voll zu ihrem Recht, und zwar mit einem Novum: Warnecke hat sich mit Julius Martinek einen eigenen Komponisten geleistet. So schlüpft das Ensemble in seine zweite Haut als Combo, um das Publikum mit Martineks Kreationen ganz neue Flötentöne beizubringen. Darüber hinaus werden die Songs zur Selbstinszenierung genutzt: der Graf, ein aufgeblasener Frosch, tut’s mit seinem „I’m your jackpot, baby…“ („groovig – fett – ghettomäßig“, liest sich das Ranking seines Wertekanons im Regiebuch). Und wenn der Cavaliere sein „I’ve been looking for freedom…“ in die Arena schmettert, dann wird hier das gesamte SchindLuder mit aufs Trapez katapultiert, das mit seinem neoliberalen FREIHEITS-geBUZZER unsere Gehörorgane gleichschaltet. Deutlich zeigt sich auch eine streng kommentierende Funktion der Musik in den Stegreif-Songs, mit denen sich die Akteure feiern oder bedauern, dem Bewunderungssong etwa oder dem Krötensong, Funky Town, dem Schwül-Song.
An zentralem Ort, am Übergang vom Steg in die kleine Bühne, befindet sich der Buzzer: bombastisch aufgemotztes, phallusartiges Instrument, das die Akteure lustvoll betätigen, um von hier aus ihre Selfies auf einer Leinwand hinter der Bühne zu starten: Kai Kämmerers erstklassig erstellte Videosequenzen kennen wir zwar auch schon aus vorherigen Aufführungen, sie greifen jetzt aber stärker in das Geschehen ein und kommunizieren mit ihren Helden, mal als Songeinlagen, mal als komisches Gewissen, das etwa mit seinem Double Fabrizio meint Tacheles reden zu müssen.

 

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Es fällt schwer, in dieser Inszenierung, in der ein Highlight das nächste jagt, noch etwas Besonders herauszustellen. Jeder Akteur konnte sich seine Rolle auswählen, und man merkt, wie jeder die Rolle gewählt hat, in der er seine Anlagen besonders einbringen konnte. So sind es bei Selmani die tollen tänzerischen Einlagen seines Marchese, demgegenüber Mehmet seinen bombastischen Grafen so gelungen in Kontrast setzen konnte, dass er noch einmal zur Zugabe auf die Bühne musste. Cool auch, wie Jakob den Witz seines Fabrizio rüberbrachte („Beim Leben meiner geliebten Mutter.“ Mirandolina: „Sie ist tot. Seit fünfzehn Jahren.“) Und doch irgendwie für mich ein Highlight der Highlights, wie Kiara und Henrik zur Melodie von Elton John’s „Can you feel the love…“ aus dem König der Löwen die innige Zweisamkeit ihrer Mirandolina und ihres Cavaliere mit gebratenem Kapaunen Brüstchen – und Schenkelchen auf dem Tablett servierten. Und deren Flötenduett zu Whitney Houston‘s „I will always love you…“ Und wie Kims Dejaniera dem Marchese ihre „nördliche Hügellandschaft“ präsentiert, und wie Henriks Cavaliere mit seinem lieben kleinen Püppchen-Ego auf dem Bett kraule kraule macht, und und und………….--------------------- das alles ist schon Großes Theater, Große Commedia.
Nach allem, was wir bisher von Warneckes Inszenierungen gesehen und gehört haben, kommen wir nicht um das Gefühl herum, dass der Meister mit dem Rückgriff auf die Commedia dell‘Arte zu einem Grundanliegen seiner Inszenierungen zurückgekommen ist: Spiel um des Theaters oder Theater um des Spieles willen. Und was ist mit der Didaktik des Theaterspielens? Ganz zum Schluss bekommt Goldonis Stück ja doch noch belehrende Züge, wenn dem Publikum noch einmal erklärt werden muss, wie es mit der Rollenverteilung zwischen Mann und Frau im Hause wirklich aussehen sollte. Sicherlich gehört dieses „glückliche Ende“ zum integrierten Bestandteil des Komödiantischen. Dennoch beruht hierauf auch der Unterschied zu Carlo Gozzi, dem großen Gegenspieler von Goldonis „modernerer“, aufklärerischer Interpretation des Genres. Allerdings gehen diese feinen Unterschiede im rasanten Spiel auf der Bühne unter und nur eines bleibt gewiss: So toll, wie dieses Jubiläums-Jahr angefangen hat, kann es eigentlich ruhig weitergehen, nicht wahr, Alice Cooper? „Schooool‘s on for ever!“

Text: Jochen Hengst

Fotos: Kai Kämmerer

 

Der Fotograf Alexander Kostowetzky stellt hier Fotos der Aufführung bereit.

 

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Trailer: Kai Kämmerer

Musik: Julius Martinek