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Ästhetische Erziehung mit der Waffe in der Hand!

Die Ankündigung des Stücks mit allen Informationen zu den Terminen der Aufführungen (und der Podiumsdiskussion am 27.10.), dem Trailer, der Ankündigung in der HAZ und vielen Bildern finden Sie hier.

Lesen Sie auch die Premierenrezension der HAZ (PDF-Datei).

Ein Theaterspass: Acht spielwütige Darstellerinnen

zerpflücken in VERRÜCKTES BLUT respekt- und grenzenlos

die Klischees unserer Migrationsdebatte

 

Sie rotzen, kratzen sich im Schritt, quatschen laut in ihr Handy und rücken sich in Pose.

Aufdringliche Riten pubertierender Jugendlicher sind das, „Kanakengesten“, wie es im Textbuch heißt. Diese klischeehaften Checker-Gesten sind noch kein Schiller, werden aber lustvoll zelebriert und zitiert wie später Verse aus dessen Dramen, wenn „Verrücktes Blut“ in der Inszenierung von Holger Warnecke beginnt.

Und der Freiheitskämpfer Schiller wird im Laufe der Aufführung einige Antworten geben auf die Lebensprobleme dieser pöbelnden Jugendlichen. Denn auf diese grapschenden und fluchenden Jungs und Mädels (gespielt von acht spielfreudigen Darstellerinnen mit vorwiegend postmigrantischem Hintergrund!) trifft eine zunächst unauffällige, allerdings ambitionierte Lehrerin mit der pädagogischen Absicht: Aufklärung um jeden Preis. Ihr Mittel: Gewalt, „sonst versteht das ja niemand hier“.

Ihr Glück: Aus einer Schülertasche fällt eine Waffe, die ihr die nötige Autorität verleiht, ihre Sprache passt sie der Chance der Situation an: „Ihr haltet jetzt mal die Fresse!“

So klappt ihre Forderung nach Respekt, die ihre Schützlinge stets großkotzig im Munde führen, aber nie einlösen.

 

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In dieser sarkastisch grotesken Versuchsanordnung, angereichert mit deutschem Liedgut (Einstudierung: Benedict Hartsch), funktioniert nach den ersten Warnschüssen auch die Auseinandersetzung mit Schillers Dramen „Die Räuber“ und „Kabale und Liebe“, die die Schüler in einem Theater-im-Theater-Spiel auf die Bühne bringen sollen. Und so beginnt allmählich ganz im Schillerschen Sinne eine ästhetische Erziehung dieser Jugendlichen beim Spiel („Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“). In der gewaltsamen Konfrontation mit den Texten merken die jungen Migranten, dass diese sie etwas angehen, dass Blutrache, Vaterliebe, Treue auch Schillers Themen waren und das Gift von Ferdinand für Luise oder Karls Messer für Amalie Ehrenmorde sind. Und während es zu Beginn noch eher um die richtige Aussprache geht, nicht „isch“, sondern „ich“, nicht „Vernumpft“, sondern „Vernunft“, greift die Lehrerin später hemmungslos in den fäkalen Misteimer ihrer Schüler: „Hier rumficken wie eine Sau und am Ende eine Unberührte aus dem Dorf importieren! Das ist für euch Tradition! Und ihr Mädels, schön die Haare bedecken, damit ihr nicht in die Hölle kommt...!“ (Eine Herausforderung für „gymnasiale“ Ohren?!)

 

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Was hier am Freitag, 20.10., in der Goetheschule im Rahmen der Deutsch-Türkischen Kulturtage als großer Theaterspaß über die Bühne ging, war die rasante, witzige Premiere des Stücks „Verrücktes Blut“ der Autoren Nurkan Erpulat und Jens Hillje unter der Regie von Holger Warnecke – eines der trotz 50 Jahren Migration noch immer nicht zahlreichen Stücke, die Migration thematisieren.

Die Aufführung entspringt einer Kooperation zwischen Goetheschule, dem Kulturbüro der Stadt Hannover und dem Klecks-Theater und ist seit seinem Erscheinen 2011 erstmalig in Stadt und Region zu sehen, erstmalig auch aufgeführt von Schülerinnen und einer Profi-Schauspielerin auf einer Schulbühne.

 

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Beklemmend und befreiend wirkte der Abend, weil mit Migrationsthemen derartig respektlos natürlich umgegangen wurde, Klischees aufgegriffen und grenzenlos zerpflückt wurden. Das bekommt gerade nach der Zuwanderungsdebatte und den gesellschaftlichen Transformationen der letzten Zeit zusätzliche Brisanz. Auch die der Aufführung vorangegangenen Diskussionen innerhalb der Schulöffentlichkeit zeigten, dass das Stück einen Nerv trifft.

Und spätestens hier kommt das Publikum ins Spiel: Wie steht es mit unserem Umgang mit Migranten oder Migration? Geht es um „wir“ und „die“? Wieweit unterliegen auch wir Zuschauer zitierten Klischees, die diese karikierten Angst- und Wunschvorstellungen spiegeln?

 

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Die große leere Bühne (lediglich Stühle und der rote Eimer, der so etwas wie Warneckes Markenzeichen geworden ist, werden als Requisiten genutzt) stellte von Beginn an die Darstellerinnen und ihre Aktionen in den Mittelpunkt, die diese Offenheit souverän ausfüllen konnten.

Wunderbar authentisch gespielt, wie die Schüler sich gegenseitig anmotzen und abziehen, daneben monologisiert die Lehrerin Sonja Kelich, überzeugend gespielt von der Schauspielerin Laetitia Mazzotti, einsam vor sich hin wie in einem anderen Kosmos. Mit dem Fund der Waffe mutiert die unauffällige Lehrerin zu einer autoritären Befehlshaberin, die aggressiv szenische Lesungen einfordert.

 

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Zunächst das Klischee bedienend und mit Sprachproblemen kämpfend, dann nach und nach verständlicher geht dem Anführer Musa, auch sprachlich virtuos gespielt von Lara Diana Dederke, und Hakim, eindrucksvoll gespielt von Safaa Saidani, ein Licht auf, dass es in ihrer Szene auch um sie geht; berührend gespielt die Demütigung, als Hakim auf Befehl der Lehrerin zur Strafe die Hose runtergezogen wird. Auch die Schlussszene aus „Kabale und Liebe“ zwischen Amalia/Mariam, gespielt von Julia Bernhardt, und Ferdinand/Hakim gerät dank des ausdrucksstarken Spiels (Umarmung!) zu einer brillant witzigen Episode. Unbedingt erwähnt werden muss auch der Loser Hasan, gespielt von Aleyna Tolip, der Dank der erzwungenen Darstellung des selbstbewussten Egomanen Franz aus den „Räubern“ eine völlige Persönlichkeitsumwandlung erfährt - eine ganz große darstellerische Leistung. Seine Partnerin ist Luise/Latifa, gespielt von Amina Sigal, die große Wandlungsfähigkeit und Lebenslust in ihrer Rolle zeigen kann.

 

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Auch in den Gruppenszenen, wenn z.B. im zweiten Teil durch die Überwältigung der Lehrerin die Szenerie kippt und nach und nach die Schüler die Waffe und damit die Macht an sich reißen, gelingt jeder einzelnen in dieser Gruppe, auch Bastian, gespielt von Mathilda Foit, und Ferit, gespielt von Zomorrod Yasin, eine erstaunliche Darstellungs- und Wandlungsleistung. Hut ab vor allen Beteiligten dieser Aufführung, inklusive der präzise arbeitenden Technik!

 

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Die Pointe in diesem Stück besteht darin, dass am Ende die Lehrerin sich in stumpfe Aggression verliert, weil sie auf blutige Vergeltung für die Schandtaten ihres brutalsten Schülers Musa aus ist, – während die Jungs und Mädels ihrer Klasse plötzlich nach den Werten der Aufklärung rufen, eine zweite Chance für den Mitschüler fordern und der Lehrerin deren eigene Sätze um die Ohren hauen: „Gewalt ist keine Lösung!“

Wie steht es also um die aufklärerischen Gedanken heute? Allein ein Thema für Oberstufenkurse?

 

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Ein von Regisseur Holger Warnecke mutig ausgewähltes Stück, das jede Erwartungshaltung permanent durchkreuzt, viele Fragen offen lässt und sicher (hoffentlich) noch viele Diskussionen auslösen wird.

Text: Christiane Eichler

Fotos: Kai Kämmerer

 

Weitere Aufführungen am 24./27./28.10. und 1./2./3./4.11.2017. Vor der Aufführung am 27.10. findet ab 19 Uhr eine Podiumsdiskussion statt. Die Aufführungen am 2.11. (ausverkauft) und am 4.11. finden im Klecks-Theater statt.