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„Spiel um Spiel“ – Visualisierung der Magie des Lesens

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Zuhause sein und doch unterwegs, auf der Couch liegen und trotzdem ein Abenteuer erleben, man selbst sein und sich dennoch wie ein anderer fühlen — zu diesem wunderbaren Erlebnis verhilft einem oft nur das Lesen einer wirklich guten Geschichte.

Jene Magie des Lesens dem Zuschauer anschaulich werden zu lassen, schien das Credo der Collage „Spiel um Spiel“ der Theater AG der Goetheschule, die am vergangenem Mittwoch, dem 18.11.2015, seine Premiere in der Aula feierte. Dabei begegneten dem Zuschauer bekannte und weniger bekannte Figuren aus unterschiedlichen Werken verschiedener Genres, die jedoch eins miteinander gemein hatten: junge Menschen in Problemlagen zu zeigen.


Äußerst geschickt umrahmt werden jene Monologe durch die Geschichte zweier Schülerinnen, deren Hausaufgabe darin besteht, einen literarischen Text herauszusuchen, der einen Menschen in einer Extremsituation zeigt. So durchstöbern die beiden Mädchen, wunderbar unaufgeregt gespielt von Zomorrid Yasin und Aleyna Tolip, die sie umgebenden Bücherberge nach einem für sie passenden Text. Die Besonderheit: Das, was die beiden Schülerinnen nun lesen, wird seh-, hör- und vor allem fühlbar für den Theaterzuschauer. Wie sich eine Figur vor dem inneren Auge des Lesers durch die Darstellung des Erzählers aufbaut, so werden die Darsteller von einem identitätslosen Erzähler, sanft und trotzdem kraftvoll gespielt von Erik Erdmann,  wie an einem Faden auf die Bühne gezogen und erwachen dort zum Leben.

 

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Dass jeder Kopf trotz des gleichen Textes seine eigene Figur formt, wird höchst anschaulich durch die doppelte Darstellung der Figur der Ada, großartig sowohl von Annika Schneehage als auch von Nassima Do gespielt, aus dem Roman „Spieltrieb“ von Julie Zeh, deren Monolog Anfang und Ende der Collage bildet. Jenes junge Mädchen, das in erschreckend abgeklärter Weise von der sexuellen Begegnung zwischen ihr und ihrem Lehrer berichtet, begegnet zunächst als geradezu klassische Femme Fatale: groß, blond, hautenger Anzug, rote Lippen, auffällig wie provokant. Wohingegen die zweite Darstellerin komplett in schwarz gekleidet zunächst eher klein, verletzlich und unschuldig wirkt, wodurch der Inhalt des Monologs in einen scharfen Kontrast zu ihrem Aussehen gerät. Insofern werden nicht nur die unterschiedlichen gedanklichen Realisationen von Figuren veranschaulicht, sondern die Stereotypen des Zuschauers kraftvoll durchbrochen, der sich durch die zweite Darstellung in Konfrontation mit seinen eigenen Bilder und (Vor-)Urteilen erleben muss.


Dass jenes Erleben von Figuren beim Lese- wie auch beim  Theaterpublikum stets Spuren hinterlässt, wird verdeutlicht durch die unterhaltsam überzeichneten Rollen der Zuschauer, die die Monologe entsprechend ihrer Rolle – als verkopfte Deutschlehrerin (Lara Wedemeyer), als unglücklicher Single (Laurine Siebert) sowie als (eher kulturferne) Jugendliche (Anna Putter, Leon Ewert) – immer wieder auf ihre Weise kommentieren. Wodurch nicht nur die Individualität des Geschmacks, sondern auch der jeweiligen Deutung veranschaulicht wird.

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Doch Literatur wie auch Theater produzieren nicht nur Bilder, Urteile und Deutungen, sondern bieten immer wieder Anlass zum Mitfühlen. Trotz der Außergewöhnlichkeit und vermutlichen Unkenntnis der jeweiligen Situation seitens des Zuschauers lädt die großartige Darstellung jedes einzelnen Ensemblemitglieds zum Mitleiden, Mitlachen, Mitverzweifeln, Mithadern, eben jenem Mitfühlen ein. 2015_Spiel_um_Spiel
Besonders leidet das Publikum bei der ergreifenden Darstellung der Hazel Grace durch Valerie Mischurov mit, in der diese jene berührende Grabrede auf ihren Freund aus dem Roman
„Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ von John Green so hochauthentisch hält. Anlass zum Mitlachen gibt dagegen Aicha Diallo, die die Cora aus dem Roman „Mondscheintarif“ herrlich taff und erfrischend selbstbewusst präsentiert. Außergewöhnlich ist ferner das Spiel von Laura Klegräfe, die den geisteskranken Wichard aus „Der Junge im Bus“ von Suzanne van Lohuizen  eine äußerst passende Stimme, Mimik und Gestik verleiht.

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Caroline Ahlborn schafft es gemeinsam mit ihrem wunderbarem Ensemble zu zeigen, welche besondere Kraft in Literatur steckt. Ihr reichhaltiger Fundus an Figuren und Problemlagen lässt nicht nur mitfühlen, sondern auch verstehen, lässt sich der eigenen Bilder bewusst werden und differenziertere entstehen, aber und vor allem bietet er Raum zur Identifikation und Identitätsbildung. Diese Fähigkeiten der Literatur innerhalb eines 60minütigen Theaterstücks zu verdeutlichen, scheint nicht nur Produkt einer passenden Textauswahl, sondern eben auch deren Anordnung, Darstellung und Kontextualisierung u.a. durch das – tolle – Bühnenbild von Caroline Wittich als auch die Rahmenhandlung. So fühlt man sich als Zuschauer auf seinem Stuhl abgeholt, mitgenommen auf eine großartige Reise durch die Gedanken, Gefühle und Probleme verschiedenster Menschen und kehrt mit dem Gefühl zurück, etwas über andere, aber besonders sich selbst gelernt zu haben.2015_Spiel_um_Spiel

 

Text: Florentina Schneider, Fotos: Michael Gellrich