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Ja-Sager, sag „Ja“ zum Nein-Sagen!

JaSager_1 Im Stück geht es um eine beschwerliche Reise, auf die sich der Lehrer (Wiebke Beushausen) mit seinen Studenten (Aylin Abdel-Razek, Alexia Gagiouzi, Alina Grocholl) begibt. Mit von der Partie ist aber auch der Knabe (Matwej Novakovski), der für die kranke Mutter (Sina Klingenberg) Medizin besorgen will. Er setzt sich über die Bedenken des Lehrers und seiner Mutter hinweg und tritt die gefährliche Reise an. Schon bald muss er erkennen, dass er den Strapazen des Berganstiegs nicht gewachsen ist. JaSager_2 Nun erfährt der nicht wenig überraschte Zuschauer, dass es Tradition ist, diejenigen Reisenden, die sich als zu schwach zum Überqueren der Berge erweisen, in den Tod hinabzustürzen – allerdings nicht ohne vorher den Betroffenen zu fragen, ob er denn einverstanden sei, schließlich sei ein Umkehren aller unzumutbar. Begleitet von den Kommentaren des Chors (Sina Ahlenberg, Katharina Bock, Katharina Inkeles, Assal Jorjani), den Brecht aus dem antiken Drama übernommen hat, geschieht denn auch das scheinbar unausweichliche und der Knabe muss sterben.
Erstaunt erlebt der Zuschauer nun, wie das Stück quasi noch einmal von vorne anfängt.

JaSager_3 Doch halt, jetzt kommt der Gegenentwurf! Als der Knabe diesmal gefragt wird, ob er ins Tal geschleudert werden will, verweigert er sein Einverständnis. Er lehnt es ab, nach altem Brauch den anderen bloß keine Scherereien zu verursachen und lieber sterben zu wollen als die Reisegruppe zum Umkehren zu zwingen. Auf die Vorhaltung, er habe doch gewusst, worauf er sich bei der Reise einlasse, und ausdrücklich alle möglichen Konsequenzen akzeptiert, antwortet er: „Wer A sagt, muss nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch war.“ Der große neue Brauch lautet nun: „In jeder neuen Lage neu nachdenken!“

JaNein_1 Dass diese Parabel nach Bertold Brecht, die eine eigene Bearbeitung einer „Schuloper“ mit dem Titel „Der Jasager und der Neinsager“ (1928) ist, zu einer sehenswerten Theateraufführung wurde, war nicht zuletzt der frischen Leistung der Nachwuchsschauspieler zu verdanken.

JaNein_3 Das parabolisches Stück, das in seiner Gleichnishaftigkeit auch in der Bearbeitung noch ganz deutlich Brechts Handschrift trägt, appelliert geradezu mit erhobenem Zeigefinger an den Zuschauer, eigene Entscheidungen nicht fremden Erwartungen zu unterwerfen und sich selbst einen Sinneswandel zuzugestehen, wenn eigene Irrwege erkannt worden sind.

Wenn einem solch tiefgründige Erkenntnis auf derart kurzweilige Weise präsentiert wird, wer kann da noch „Nein“ sagen zum Neinsagen?

Kai Kämmerer