Woyzeck in den Ferien
Samstag, 16 Uhr. Wochenende. Herbstferien. Die Sonne scheint und es ist erstaunlich warm für Ende Oktober. Alle Schüler genießen die letzten Tage fern der Schule. Alle Schüler? Nein! Eine Gruppe Unermüdlicher bewegt sich in der kalten Aula der Goetheschule und hört nicht auf, denselben Text zu sprechen und dieselben Bewegungen zu wiederholen. Was geht hier vor?
Die Lösung ist einfach: Holger Warneckes Theater-AG nutzt die Ferien, um ungestört vom Schulalltag den Endspurt der Proben zur Aufführung von Georg Büchners „Woyzeck“ einzuläuten. In Zahlen: 30 Probentermine, sechs davon in den Ferien, hat die Gruppe von 15 Nachwuchsschauspielern aus 10 Nationen mit ihrem Regisseur am Ende der Herbstferien hinter sich. Die nahende Premiere am 10. November 2011 müsste eigentlich alle nervös machen, aber die Gruppe hat hart gearbeitet, die Probendurchläufe des letzten Aufführungsdrittels laufen schon erstaunlich rund und Warnecke lenkt wenig und lobt viel.
„Jetzt muss das hart Erarbeitete nur noch vom Kopf ins Rückenmark wandern“, sagt der Theaterpädagoge, als er versucht, dem unbedarften Probenbesucher einen der nächsten Schritte auf dem Weg zur Aufführung zu erläutern. Von etwas Verkopftem hat das, was auf der Bühne schon zu sehen ist, freilich nichts: Der Soldat Woyzeck (Alexander Haas) schwitzt, lässt die Muskeln spielen, leidet, tobt. Um ihn herum sind ständig alle anderen Mitspieler auf der Bühne: Ein Inszenierungskonzept, das ein für den Zuschauer außergewöhnlich intensives Theatererlebnis verspricht, dem Regisseur und seinen 15 Mimen in knapp 30 Rollen aber auch ein außerordentliches Maß an Detailarbeit und Übersicht hinsichtlich der Choreographie abverlangt. Nur gut, dass es da die verlässliche Regieassistenz (Lisa Rocke, Ida Ceesay, Amelie Briese), das treue Regiebuch, den meterlangen Szenenplan und die digitalen Zweithirne gibt…
Büchners „Woyzeck“ gehört aus gutem Grund seit Jahrzehnten zum Kanon der Schullektüre: Geht es in diesem Stück von 1836, das 1879 veröffentlicht und erst 1913 uraufgeführt wurde, doch um „ewige“ Themen wie um Liebe, Eifersucht und Sehnsucht, um Macht, Unterdrückung und Demütigung. Des Menschen Innerstes wird hier seziert - und die Frage, wie viel Leid die Kreatur Mensch ertragen kann, wie oft sie wieder aufstehen kann, wenn sie zu Boden getreten wurde. Dass dieses mächtige Stück in der anstehenden Aufführung durch die Theater-AG weder einschüchternd noch trocken daherkommt, wird sich jeder leicht denken können, der z.B. Warneckes Inszenierung der „Emilia Galotti“ von Lessing im Jahr 2010 gesehen hat.
Auch in der aktuellen Produktion wird auf eine starke Bildsprache Wert gelegt, die zugleich das Verständnis des über 150 Jahre alten Texts erleichtert und das Auge bezaubert. Die Requisiten sind gewohnt sparsam gewählt, werden aber überraschend vielseitig und beeindruckend virtuos genutzt. Nicht fehlen darf natürlich der rote Eimer, der seit mehreren Inszenierungen zu Warneckes heimlichem Markenzeichen avanciert und einen hohen Wiedererkennungswert hat.
Kampf- und Tanzeinlagen und auch Live-Musik ergänzen eine Inszenierung, die eindeutig die Handschrift ihres Regisseurs trägt und eine erfolgreiche Aufführungsreihe verspricht: Wo Warnecke draufsteht, ist auch Warnecke drin!
Informationen zu Aufführungsterminen, Tickets etc. unter W O Y Z E C K !
Text, Fotos: Kai Kämmerer
Mitwirkende
Alexander Haas: Franz Woyzeck Sarah Knop: Marie Michael Kasay: Hauptmann, Musiker, Tier Joana Da Silva: Doktor, Musikerin Levent Akkus: Tambourmajor, Kämpfer Jacob Hilfiker: Andres, Kämpfer Amelie Briese: Margreth, Freak, Sprecherin Mikrophon, Gola, Musikerin, Handwerksbursche Ida Ceesay: Marktschreierin, Handwerksbursche, Sprecherin Mikrophon, Kind von Marie, Musikerin Lisa Rocke: Ausruferin, Karl der Narr, Kind von Marie, Handwerksbursche, Ballonbieger, Sprecherin Mikrophon, Musikerin Berkan Duran: Unteroffizier, Der Jude, Rüpel, Kämpfer, Sprechapparat Salma Merhfour: Wirt, Großmutter, Sängerin, Person, Sprechapparat Jessica Babatz: Karl der Narr, Person, Gummimensch, Pferd, Kind von Marie, Sprechapparat, Freak Marlena Nürnberger: Käthe, Sängerin, Kind von Marie, Freak, Sprechapparat Sibel Yücelis: Tänzerin, Sängerin, Person, Pferd, Kind von Marie, Sprechapparat, Freak Samet Cemen: Gerichtsdiener, Rüpel, Kämpfer, Wildes Tier, Freak
Regie: Holger Warnecke Regieassistenz: Amelie Briese, Ida Ceesay, Lisa Rocke Ton und Licht: Leonard Frommelt, Jonas Füllgraf, Sören Reimchen Musik: Joana Da Silva, Michael Kasay, Amelie Briese, Ida Ceesay Kostüme/Maske: Jessica Babatz, Sarah Knop, Marlena Nürnberger, Sibel Yücelis Gesangstraining: Kimberley Boettger-Soller Choreographie: Sarah Knop Körpertraining: Levent Akkus, Samet Cemen, Michael Kasay Bühne: Holger Warnecke Plakat/Flyer: Daniel Behrens Fotos: Aristi Dimou Woyzeck-Bar: Busra Agca, Fatma Bektas, Meltem Büyükkaye, Paula Giesler, Kim Greulich, Nicki Rezaeian Support: Kübra Boguslu, Mehrnoush Dorosti, Madita Edeling, Dilruba Ermis, Alwine Hemme, Nurcan Karabag, Minh-Kyl Nguyen, Aykut Oguz, Ewgenija Rebecca Toporik

